
Als Verpackungskunststoffe in sechs Farben gemeinsam ins Wasser gelegt wurden, richtete sich der Schnabel einer vierjährigen Meeresschildkröte sofort auf das durchsichtige Stück. Das Forschungsteam von Dr. Hong Sang-hee am Korea Institute of Ocean Science and Technology (KIOST) veröffentlichte am 22. Ergebnisse, die durch die Beobachtung von Verhaltensreaktionen auf einzelne Farben klären, warum Meeresschildkröten Plastik verschlucken. Die "Verwechslung mit Beute", bei der die Wissenschaft bislang bei Vermutungen geblieben war, wurde im Labor mit dem Auge bestätigt.
Versuchstiere waren künstlich gezüchtete Echte Karettschildkröten. Das Forschungsteam bot Einwegfolien in sechs Farben, durchsichtig, weiß, blau, rot, gelb und schwarz, gleichzeitig an und zeichnete anschließend auf, wie die Schildkröten mit dem Schnabel pickten oder bissen. Die vierjährigen Tiere zeigten eine Vorliebe in der Reihenfolge durchsichtig, weiß, gelb, und auf Blau zeigten sie keine nennenswerte Reaktion.
Ein interessantes Ergebnis zeigte sich, als Tiere unterschiedlichen Alters zusammen beobachtet wurden. Die zehn Wochen zuvor geschlüpften Jungtiere reagierten ohne bedeutsame Verhaltensunterschiede nach Farbe zufällig auf Gegenstände in ihrer Umgebung. Das Forschungsteam deutete diesen Unterschied als Kluft in der Fähigkeit zur Beuteerkennung je nach Entwicklungsstadium.
Je mehr Erfahrung ein Tier mit dem Fressen gesammelt hat, desto eher erkennt es helles und weiches Plastik als natürliche Beute wie Quallen oder Fische und reagiert gezielt darauf, so die Erklärung. Quallen und durchsichtige Folie ähneln sich darin, wie sie im Wasser Licht durchlassen, und in ihrer schlaffen Beschaffenheit. Umgekehrt können Jungtiere, deren Erkennungsvermögen weniger entwickelt ist, ohne Rücksicht auf die Farbe schlucken und dadurch für ein breiteres Spektrum an Kunststoffen anfällig sein.
Am Versuchsaufbau ist zu beachten, dass er so angelegt war, dass die Schildkröten das Plastik nicht tatsächlich verschluckten. Der gesamte Ablauf wurde vorab von der Ethikkommission für Tierversuche des KIOST genehmigt. Die Ergebnisse erschienen in der Nature-Schwesterzeitschrift "Scientific Reports".

Dieses Ergebnis weist darauf hin, worauf die Gegenmaßnahmen zielen sollten. Den ins Meer gelangten Müll herauszufischen bleibt nötig, doch bis er herausgefischt ist, treiben diese Stücke in einem Zustand umher, in dem sie wie Beute aussehen. Vor allem dünne, durchsichtige Einwegfolie ist das Material, das im Wasser seine Form verliert und Quallen am ähnlichsten wird. Allein mit dem Ausbau der Sammelkapazitäten lässt sich die Verwechslung selbst kaum verringern.
Das Problem auf die Unachtsamkeit Einzelner oder das Fehlverhalten einer bestimmten Branche zu verengen, entspricht deshalb aber ebenfalls nicht den Tatsachen. Einwegfolie ist ein Material, das die gesamte Gesellschaft für die Lebensmittelhygiene und die Effizienz des Vertriebs gewählt hat. Zu ändern ist weniger das Gewissen einzelner Menschen als der gesamte Weg, auf dem dieses Material verwendet und weggeworfen wird. Auch das Forschungsteam erklärte, es werde Folgestudien fortsetzen, die die Ursachen der Schäden an Lebewesen durch Meeresplastik systematisch klären und Gegenmaßnahmen erarbeiten.
Bei den Beratungen über den Ausstieg aus dem Plastik wurde auf internationaler Bühne der Zeitpunkt einer Einigung mehrfach verschoben. Auch in dieser Zeit nimmt das Meer täglich neue Stücke auf. Diese Studie ist nützlich, weil sie mit der Farbe als konkretem Maßstab eingegrenzt hat, welches Material für welches Lebewesen wie gefährlich ist. Damit gibt es eine Grundlage, auf die man sich beim Entwurf von Regelungen ebenso beziehen kann wie bei der Wahl von Ersatzmaterialien.
Es gibt auch Schritte, die sich sofort umsetzen lassen. Es ist die Gewohnheit, bei Dingen anzufangen, die so leicht sind, dass sie leicht vom Wind fortgetragen werden, etwa die durchsichtige Folienabdeckung von Lieferessen, die dünne Folie an Obstverpackungen oder die Hülle für Wäsche, und sie getrennt zusammengebunden zu entsorgen. Solche Folien sind so leicht, als hinge fast nichts an ihnen, entwischen bei der Sammlung am leichtesten und ähneln in dem Moment, in dem sie Wasser berühren, Quallen am meisten. Die Szene, in der sich der Schnabel der vierjährigen Schildkröte dem Durchsichtigen zuwandte, war ein kurzer Vorgeschmack darauf, wie weit eine Tüte treibt, die wir heute wegwerfen.
