
Die von der Fußgängerbrücke aus betrachtete nächtliche Straße teilt sich in zwei Richtungen. Auf der linken Fahrbahn fließen mehrere Stränge blauen und orangefarbenen Lichts übereinandergelegt, auf der rechten Fahrbahn sind nur einige dünne rote Linien geblieben. Das Grün und die roten Punkte der Ampel und eine Straßenlaterne verlaufen am oberen Bildrand wie Sterne, alles Übrige ist schwarz. In den wenigen Sekunden, in denen der Verschluss offen stand, verschwanden die Autos und blieben nur die Spuren.
Was dieses Foto zeigt, ist der Fluss. Betrachtet man jedes Auto einzeln, ist es eine individuelle Fahrt zum jeweiligen Ziel, doch schichtet man mehrere Zeiträume auf einem Bild übereinander, wird daraus ein Linienbündel, das Stärke und Dichte besitzt und sogar erkennen lässt, wohin es führt. Auch Algorithmen, die Verkehrssignale optimieren, und Systeme, die den Fahrzeugeinsatz steuern, lesen am Ende dieses aufgeschichtete Bild. Wie schnell ein einzelnes Auto fuhr, übergehen sie und sehen die Form des gesamten Bündels.
Die Dicke links und die Spärlichkeit rechts sind für sich genommen Information. Wo es voll ist und zu welcher Tageszeit sich die Stadt zu einer Seite neigt, steht unmittelbar in der Dichte der Lichtstreifen geschrieben. Wenn Elektroautos zunehmen und autonomes Fahren sich auf der Straße beimischt, werden sich Farbe und Textur dieser Linien ändern, doch die Art, wie die Linien gezeichnet werden, ändert sich nicht. Die Stadt zeichnet den Weg, den sie zurückgelegt hat, immer mit Licht auf.
Die Linien eines Schaltplans bekommen erst Bedeutung, wenn Strom fließt. Für diese Straße gilt dasselbe, dort wo die Spuren dicker werden, sind Menschen, und wo sie dünner werden, ist Nacht. Sieht man sich das Foto erneut an, fällt auf, dass der schwarze Teil größer ist. Es ist die Fläche, die ohne jede gezogene Linie geblieben ist.
