
Das Licht des Mittags fällt durch die Blätter gefiltert herab. Dicke Äste greifen nach allen Seiten aus und biegen sich dann tief herab, auf der Rinde liegen Moos und kleine Farne. Rings um die aus der Erde ragenden Wurzeln, die sich in den Boden krallen, liegt breit ein gefleckter Schatten.
Wer unter den Schatten tritt, spürt die Luft um eine Schicht kühler. Der Atem wird länger, und die hochgezogenen Schultern sinken ein wenig. Der Blick folgt den weit ausgreifenden Astspitzen und löst sich dann sacht.
Währenddessen findet die Eile kein Ziel mehr. Dieser Baum steht seit langem am selben Ort, und leise legt sich das Gefühl darüber, dass sich nichts ändert, wenn man heute einen Tag später dran ist.
Es empfiehlt sich, langsam einmal herumzugehen. Wie wäre es, mit den Fingerspitzen über die Maserung der Rinde zu streichen und alle drei Schritte einmal zu atmen. Drei Minuten reichen aus.
Denselben Gang kann man auch in die Nacht verlegen. Kurz bevor man das Licht löscht und sich unter die Decke legt, steht man neben dem Bett und prüft, mit welcher Kraft die Fußsohlen den Boden drücken. Es genügt zu bemerken, ob die Ferse stärker drückt oder der Bereich unter dem großen Zeh, ob ein Fuß tiefer aufliegt als der andere. Statt des Baumes am Tag trägt nun der Zimmerboden den Körper.
Nach einer Runde sieht die Stelle, an der man zuerst stand, ein wenig anders aus. Dabei ist der Schatten derselbe.
