
Was zeichnet der Staat auf und was lässt er nicht zurück. Im Monat des Gedenkens an Landesverteidigung und Veteranen liest man Namen, Dienstgrade und Namen von Schlachtorten. Der Tag jener Menschen, die außerhalb dieser Namenslisten Reis kochten, Kinder zur Welt brachten und Grenzen überquerten, ist in keinem Dokument festgehalten. Min Jin Lees „Pachinko" (Influential, 2022) schiebt vier Generationen in diese Leerstelle hinein.
Dieser Roman ist eine Chronik von vier Generationen der Auswanderung und Ansiedlung. Er folgt der Zeit, in der eine Familie das Meer überquert, die Sprache wechselt und in der Mietwohnung einer fremden Stadt wieder Kinder großzieht. In Korea brachte Influential das Werk 2022 als zweibändige Ausgabe heraus. Um zu zeigen, wie die Entscheidung einer Generation zur Bedingung der nächsten wird, braucht es entsprechend viele Seiten.
Der Ton des Buches ist nicht heiß. Statt Ereignisse groß aufzublasen, schichtet es mit leiser Stimme, was die Menschen aßen, was sie verkauften und wo sie sich hinlegten. Das Gewicht des Tongefäßes, in dem Kimchi eingelegt wird, der Reispreis und der Schimmelgeruch der Mietwohnung, die Frage, mit welchem Namen ein Mensch mit zwei Namen gerufen wird, werden zum Muskel der Erzählung. Solche Stofflichkeit bleibt länger haften als große Erklärungen.
Darin liegt auch der Grund, dieses Buch mitten im Sommer zu behandeln. Wer sich mit Kulturerbe befasst, nimmt meist Gebäude, Dokumente und Fundstücke zum Gegenstand, doch in der Alltagsgeschichte der Migranten gab es keine Gebäude zu hinterlassen. Das gemietete Haus wurde abgerissen, der Laden, in dem man arbeitete, wechselte die Branche, das Grab liegt jenseits des Meeres. In solchen Lebensläufen wird das Erbe nur in Form von Erzählungen weitergegeben, nicht als Gegenstand.
Auch die Spannung zwischen Bewahrung und Nutzung tritt in diesem Roman ehrlich hervor. Die Seite, die Sprache, Essen und Ahnenrituale der Heimat bewahren will, und die Seite, die glaubt, man müsse all das aufgeben, um zu überleben, sitzen sich an einem Tisch gegenüber. Der Roman ergreift für keine Seite einseitig Partei. Dass das Bewahren einen Preis hat und das Aufgeben ebenso, wiederholt er in jeder Generation mit einem anderen Gesicht.

Die Stärke ist deutlich. Ohne von der großen Geschichte erdrückt zu werden, zeichnet der Roman das 20. Jahrhundert im Maßstab von Küche, Markt und Arbeitsplatz neu. Er gibt eine Gruppe, die bislang als Statistik behandelt wurde, als Einzelne mit Namen, Charakter und Angewohnheiten zurück.
Es gibt auch Dünnes. Je weiter die Generationen fortschreiten, desto weniger Zeit bleibt für die einzelne Figur, und das Innenleben der späteren Generationen wird nicht so dicht gefüllt wie das der früheren. Das ist der Preis für die Spannweite, die die Form der Generationenchronik trägt. Wer einen Roman erwartet hat, der den Abgrund einer einzigen Figur bis zum Ende auslotet, kann sich leer fühlen.
Dennoch braucht ein bestimmter Leserkreis dieses Buch ganz sicher. Das gilt für den, in dessen Familiengeschichte mehrere Jahre gänzlich fehlen, für den, der alte Märkte oder alteingesessene Läden einer Region dokumentiert, und für den, der Erbe bislang nur in Gebäuden gezählt hat. Wenn man beide Bände zugeklappt hat, will man am liebsten die älteren Angehörigen nach dem Esstisch fragen. Die Alltagsgeschichte, die der Staat nicht aufgeschrieben hat, bleibt meist in solchen Gesprächen und atmet dort weiter.
Legt man beide Bände weg, bleibt am Ende ein Esstisch. Die Alltagsgeschichte, die der Staat nicht aufgeschrieben hat, bleibt als Geruch der Küche und als Temperatur der Mietwohnung in den vier Generationen von Menschen mit Namen und Angewohnheiten und atmet dort weiter. Was man die älteren Angehörigen fragen müsste, liegt dort.
