
Die Farben außerhalb der Fensterscheibe lösen sich alle auf und fließen. Eine blaugrüne Markise, orange und gelbe Schilder, ein ziegelfarbener Block haben in der Nässe ihre Grenzen zueinander verloren. Die Kamera hat die Szenerie draußen losgelassen und auf die an der Scheibe hängenden Wassertropfen scharf gestellt.
Dicke Körner haften dicht an dicht auf der ganzen Fensterfläche, und einige von ihnen ziehen, ihrem eigenen Gewicht nicht gewachsen, lange Linien nach unten. Nahe am Fensterrahmen ballt sich die Nässe und verläuft weißlich. Licht, bei dem sich nicht sagen lässt, ob es Nachmittag oder Abend ist, fließt an diesen Streifen entlang.
Wer nah an einem solchen Fenster steht, dessen Augen irren kurz umher. Will man die Schilder lesen, verschwimmen die Tropfen, schaut man in die Tropfen hinein, verwischen die Farben. Wenn ein paar Sekunden vergehen, ohne dass man sich für eines von beiden entscheidet, senken sich die Schultern von allein ein wenig.
Die Fußsohlen treten etwas breiter auf den Boden. Die Fingerspitzen verharren, fast am kalten Glas. Der Atem wird um einen Takt länger.
Erst dann bemerkt man, dass der Vorsatz, scharf sehen zu müssen, den ganzen Tag hinter den Augen gesessen hat.
Es wäre auch gut, sich am Fenster mit geschlossenen Augen eine Minute Zeit zu nehmen und nur dem Regen zu lauschen. Das Geräusch, das von der Dachtraufe fällt, das Geräusch, das an die Scheibe klopft, das Geräusch, das sich in der Ferne auf dem Asphalt ausbreitet, hört man Schicht für Schicht getrennt. Man zählt die Geräusche nicht, man lässt sie einfach vorbeiziehen.
Eine Minute ist kurz, sie ist vorbei, bevor man richtig alles gehört hat. Wenn sie vorbei ist, sind die Schilder vor dem Fenster noch immer verschwommen da.
Man kann dieselbe Minute auch in das Abwaschen verlegen. Während man dem Geräusch lauscht, mit dem das Leitungswasser auf die Innenseite der Schüssel schlägt, und dem Geräusch, mit dem der Schaum zerfällt, prüft man die Anspannung im Kiefer. Ob die Backenzähne aufeinanderliegen oder leicht geöffnet sind, so viel Nachschauen reicht aus.
Was sich verändert, muss man nicht aufschreiben. Man muss sich nur merken, ob diese Anspannung bis zum Ende des Abwaschs gleich geblieben ist.
Der Regen benetzt das Fenster nicht gleichmäßig. Manche Linie läuft bis ganz nach unten, mancher Tropfen bleibt hängen und übersteht den Abend.
