
Ein Schulflur erstreckt sich in die Länge. Das Licht des späten Nachmittags, das durch die Fenster auf der rechten Seite einfällt, hat die Form der Fensterrahmen unverändert auf die blaugraue Farbe im unteren Bereich der Wand übertragen. Das Gitter setzt sich bis zu den Terrazzofliesen des Bodens fort und verliert sich dort, und das andere Ende des Flurs liegt im Halbdunkel, ohne dass die Leuchtstoffröhren eingeschaltet wären.
Obwohl kein einziger Mensch da ist, wirkt dieser Raum nicht leer. Die Rohrleitungen, die sich entlang der Decke ziehen, der vom langen Putzen glatt gewordene Boden und das dunkle Braun der hölzernen Fensterrahmen erzählen davon, wie viele Schritte hier gegangen sind. Jahrzehntelang wird das Licht, das zur selben Zeit im selben Winkel einfiel, dasselbe Gitter auf diese Wand gezeichnet haben.
Das Klassenzimmerfenster ist das Fenster, das Kinder am längsten betrachten. Der Ort, auf den der Blick fällt, wenn der Unterricht langweilig ist, nach einer Zurechtweisung, an einem Tag mit Streit unter Freunden. Größe und Ausrichtung des Fensters und was draußen zu sehen ist, wirken wie nebensächliche Entscheidungen auf einem Bauplan, doch für jemanden, der den größten Teil des Tages darin verbringt, sind sie nicht nebensächlich.
Die Flure mancher Schulen sind so hell, in manche Flure fällt den ganzen Tag kein Licht. Über das Budget für die Sanierung alter Gebäude und über die Reihenfolge zu entscheiden, heißt am Ende auch, darüber zu entscheiden, wie viel Licht in wessen Tag fällt. Dieser Unterschied steht in keinem Zeugnis und bleibt deshalb lange unbemerkt.
Das Licht auf dem Foto wird bald weiterziehen, und das Gitter wird verschwinden. Doch morgen um diese Zeit fällt das Licht wieder durch dieselbe Wand herein. Wie viele Kinder daran vorbeigehen werden, steht nicht auf dem Foto.
