
Wenn künstliche Intelligenz erklärt wird, ist das Gehirn der am häufigsten herangezogene Vergleich. Das beginnt schon beim Namen neuronales Netz, und auch Begriffe wie Lernen·Gedächtnis·Aufmerksamkeit sind dem Gehirn entlehnt. Wie gut aber kennen wir das Original, bei dem geborgt wurde? Lisa Feldmans „Die so unerwartete Hirnforschung" (이토록 뜻밖의 뇌과학, The Quest, 2021) ist ein Buch, das dieses Original wieder aufschlagen lässt.
Es ist ein populärwissenschaftliches Buch über das Gehirn. Die Kapitel sind kurz gehalten und eignen sich dafür, auf dem Weg zur Arbeit eines nach dem anderen zu lesen. Statt Fachbegriffe voranzustellen, setzt es bei alltäglichen Empfindungen an und geht der Arbeitsweise des Gehirns nach.
Ein künstliches neuronales Netz ist ein Rechenmodell, das die Verbindungen der Nervenzellen im Gehirn mathematisch nachahmt. Weil der Name derselbe ist, hat sich jedoch der Eindruck verbreitet, beide funktionierten nach demselben Prinzip. Dieses Buch erschüttert den Eindruck frontal. Durch das ganze Buch zieht sich die Sicht, dass das Gehirn, bevor es ein Gerät zur Aufnahme und Verarbeitung von Informationen ist, ein Organ ist, das Energie verteilt, um den Körper am Leben zu halten.
Diese Sicht berührt unmittelbar die gegenwärtige Debatte über künstliche Intelligenz. Da der Strom für den Betrieb großer Modelle auf die Agenda der Klimatechnologie gerückt ist, ist der Blick auf ein Organ, das innerhalb eines begrenzten Budgets arbeitet, auch technisch aufschlussreich. Die Art, wie autonomes Fahren die Lage auf der Straße im Voraus entwirft und dieses Bild mit Sinnesdaten korrigiert, ähnelt der Arbeitsweise des Gehirns, das Vorhersagen aufstellt und den Fehler verringert.
Die Stärke des Buches liegt in der Verdichtung. Auf knappem Raum räumt es das vertraute Schema weg, nach dem Vernunft und Gefühl in Schichten übereinanderliegen, und entwirft das Bild eines Organs, das vorhersagt und abstimmt. Verglichen damit, dass populärwissenschaftliche Bücher zur Hirnforschung meist dicke Wälzer sind oder in die Sprache der Selbsthilfe abgleiten, neigt dieses Buch zu keiner der beiden Seiten.

Die Grenzen kommen von derselben Stelle. Dünn zu sein heißt, dass die Schichten der Belege nicht dick aufgetragen sind. Wer sich fragt, warum die einzelnen Themen so zusammengefasst werden und welche Einwände es gibt, wird mit diesem einen Buch schwer zufrieden sein. Auch die Verbindung zur künstlichen Intelligenz müssen die Leser selbst herstellen.
Wem das Buch zu empfehlen ist, ist klar. Wer täglich Artikel und Präsentationen zur künstlichen Intelligenz liest und beim Satz ‚Es ähnelt dem Gehirn' schon einmal kurz gestockt hat, und wer den Wert dieses Vergleichs kennen möchte, bevor er ihn in einer Produktplanung oder einem Policy-Papier verwendet. Auch für Leser, die die Hirnforschung zum ersten Mal aufschlagen, ist es ein Einstieg. Was man nach diesem Buch liest, legt man besser vor der Lektüre fest.
In dem Moment, in dem jemand, der die Gereiztheit um drei Uhr nachmittags dem eigenen Charakter zuschrieb, dem Hunger zu dieser Stunde und dem Schlaf der vorigen Nacht nachgeht, ist das, was das Buch sagen wollte, im Großen und Ganzen angekommen. Es bleibt das Gefühl, dass die Intelligenz des eigenen Körpers vernachlässigt war, während man sich damit beschäftigte, Maschinen Intelligenz aufzusetzen.
An die Stelle, an der man beim Satz ‚Es ähnelt dem Gehirn' kurz gestockt hatte, führt das Buch die Leser zurück. Und dann kommt es auf Schlaf und Mahlzeiten zu sprechen.
