
An jeder Grasspitze hängt ein Wassertropfen. Links unten im Bild drängen sich die Blätter dicht und leuchten in hellem Hellgrün auf, nach rechts hin werden Blätter wie Tropfen unschärfer und versinken in blauschwarzem Dunkel. Etwa in der Mitte ist ein Blatt an der Spitze leicht geknickt, und an dieser geknickten Stelle sitzen zwei Tropfen, nicht nebeneinander, sondern hintereinander. Früher Morgen mit tief stehender Sonne oder trüber Tag, an dem der Regen gerade aufgehört hat.
Der Regen ist schon vorüber, geblieben ist dieses Hängen.
Wie das Regenwasser den Boden erreicht, steht ganz in diesem Foto. Am Blatt bleibt es hängen und wird einmal verzögert, es rollt herab und wird noch einmal verzögert, und dann sickert es in die schwarzen Spalten der Erde. Wo die Stadt diesen Vorgang getilgt hat, drängt derselbe Regen im Nu in die Kanalisation und tritt über.
Diese kurze Verzögerung, mit der ein einzelnes Blatt einen Tropfen festhält, ist für die Wurzeln Zeit zum Trinken und für den Boden Zeit, nass zu werden. Warum es ebenso wichtig ist, die Fugen im Asphalt ein wenig zu öffnen und Gras wachsen zu lassen, wie es Entwässerungsarbeiten sind, zeigt das dichte Blattbüschel links im Bild in aller Stille.
Sehen wir noch einmal in die rechte obere Ecke. Außerhalb des Fokus liegt ein verschwommener brauner Klumpen diagonal da. Ob es welkes Laub oder ein nasser Erdklumpen ist, bleibt unklar, aber dort verläuft die Grenze, an der die Farbe von Grün zu Braun wechselt. Während das Gras das Wasser festhält, schreitet darunter die Verwesung voran.
Zusammengefallene Blätter werden zu Erde, und diese Erde nimmt den nächsten Regen auf. Das heißt, mit dem Pflanzen von Grün allein ist es nicht getan. Erst wenn auch das Braun bleibt, setzt sich der Wasserweg fort.
Ganz unten in der linken Ecke hängt der Tropfen an einem Blatt so lang gezogen, dass er fast fällt. Die Erde darunter ist auf dem Foto nicht zu sehen. Wie viel Boden, der eine Spur für den herabsinkenden Tropfen bereithält, uns noch unter den Füßen bleibt, lässt einen an den heute gegangenen Weg denken und das Foto noch einmal ansehen.
