
Zu sehen ist eine Hauptverkehrsstraße bei Nacht, aufgenommen von einer Fußgängerbrücke aus. Während der Verschluss lange geöffnet blieb, hinterließen die Scheinwerfer der Fahrzeuge blaue Linien, die Rücklichter orange und rote. Auf der linken Fahrbahn fließen mehrere Stränge in sanften Kurven zum unteren Bildrand, auf der rechten Fahrbahn entfernt sich eine rote Linie und streift dabei die Rollläden der Geschäfte. Nur die roten Punkte der Ampeln und das weiße Aufblitzen der Straßenlaternen stehen still.
Am schnellsten fällt ins Auge, dass Stärke und Abstand der Linien überall verschieden sind. Manche Stränge zogen dick und hell vorbei, manche dünn und zitternd. Denn jedes Fahrzeug fuhr unterschiedlich schnell und hinterließ andere Spuren des Spurwechsels. Sobald ein einziges Bild einige Dutzend Sekunden zusammendrückt, liest sich als eine Strömung, was sonst nur als einzelnes Fahrzeug erscheint.
Die Technik, die den Verkehr der Stadt bearbeitet, sieht die Welt meist auf dieselbe Weise wie dieses Foto. Sie betrachtet die angehäuften Spuren statt dessen, was jeder einzelne Fahrer wählt, und stellt darauf Ampelphasen, Fahrbahnverteilung und Taktabstände ein. Ob autonomes Fahren oder Ladeplanung für Elektroautos, am Ende geht es darum, wann und wo diese Linien dicker werden.
Der Vergleich mit dem Schaltkreis liegt deshalb nahe, weil klar ist, in welche Richtung etwas fließt. Die blauen Linien fließen hierhin, die roten dorthin. Anders als im Schaltkreis wählt der Strom auf der Straße seinen Weg selbst. Wer plant, kann nur bestimmen, wo der Widerstand liegen soll.
Betrachtet man das Foto erneut, ist die rechte Fahrbahn deutlich leerer als die linke. Zur selben Zeit, auf derselben Straße, und doch drängt die Strömung auf eine Seite. In dieser Asymmetrie steht geschrieben, wohin die Stadt in dieser Nacht unterwegs war.
