
Die dünnen Lamellen der Holzjalousie schneiden das Nachmittagslicht in schmale Streifen und legen es an die Wand. Vor dem Fenster verschwimmen die winterlichen Bäume, innen am Fensterrahmen ist ein cremefarbener Vorhang halb zurückgeschoben. Auf der alten Bank liegt ein blau gestreiftes Kissen. Bis hin zum kleinen Teppich auf dem Boden sieht man dieser Ecke den langen Gebrauch an, unordentlich wirkt sie dabei nicht.
Wer eine solche Szene betrachtet, dem sinken die Schultern unwillkürlich eine Handbreit herab. Der Atem wird beim Einatmen etwas länger, der Blick löst sich irgendwo bei den Bäumen vor dem Fenster. Die Hände liegen auf den Knien und haben vergessen, wonach sie greifen sollten.
Was ein voller Tag im Gemüt zurücklässt, ist meist eher Ungeduld als Müdigkeit. Das Gefühl, Begonnenes zu Ende bringen zu müssen, folgt bis in die Pause hinein und lässt einen im Sitzen die nächsten Aufgaben zählen.
Wie wäre es, ein Buch in Reichweite zu nehmen, nur eine Seite zu lesen und es dann zuzuklappen. Die Hand, die zur nächsten Seite weiterblättern will, kann liegen bleiben, und man kann bei geschlossenem Deckel etwa drei Minuten lang zum Fenster sehen. Als lege man sich eine Sache zurecht, die man nicht zu Ende bringen muss.
Man kann dieselben drei Minuten auch in die Nacht verlegen und das Buch, von dem man nur eine Seite gelesen und das man dann zugeklappt hat, bei ausgeschaltetem Licht unter der Decke liegend ans Kopfende legen. Worauf man dann achtet, ist der Kiefer. Ob die Backenzähne aufeinanderliegen oder ob Ober- und Unterkiefer leicht geöffnet sind und nur die Zungenspitze am Gaumen liegt, tastet man im Dunkeln in Ruhe ab. Wie der Kiefer in den Momenten stand, in denen tagsüber die Schultern heruntergingen, was also ungeprüft vorübergegangen ist, sieht man sich nachts einmal an.
Das zugeklappte Buch wartet still auf seiner Seite, und das Licht wandert an den Lamellen der Jalousie entlang Stück für Stück nach unten.
