
Die Fensterbank ist schmal. Auf dieser Handbreit stehen eine Tasse Schwarztee, Kirschen in einer Glasschale und ein Strauß roter Lilien Schulter an Schulter. Die Teetasse ist dünnes Porzellan mit Blumenmuster und hat auch eine Untertasse. Das Nachmittagslicht fällt schräg von draußen herein und zerstreut sich auf jeder kantigen Fläche der Glasschale.
Vor dem Fenster verschwimmen geparkte Autos und die Rutsche eines Spielplatzes. Der Fokus liegt innen. Draußen bewegt sich alles weiter, und die Dinge auf der Fensterbank stehen still, seit jemand sie eines nach dem anderen dorthin getragen hat.
So zu decken kostet Zeit. Die Zeit, Blumen zu kaufen und ins Wasser zu stellen, Kirschen zu waschen und in die Schale zu füllen, Wasser zu kochen und in die Tasse zu gießen und eigens die Untertasse hervorzuholen. Das heißt, es gibt Menschen, die selbst mit dem Rest eines aufgebrauchten Tages noch eine Handbreit für sich selbst decken.
Das Wort Fürsorge wird meist nur gebraucht, wenn es um andere geht. Doch auch wer den ganzen Tag jemanden füttert, wäscht und irgendwohin bringt, braucht so eine Handbreit Fensterbank. Auch heute kommen viele Menschen ohne diese Handbreit durch den Tag.
Das Licht fällt nicht von oben herab. Es steigt schräg von einer tiefen Stelle vor dem Fenster auf, streift die Seite der Tasse, geht durch die Rückseite der Lilienblätter und legt einen dünnen roten Schimmer auf die Maserung der Fensterbank. Bei diesem Winkel steht die Sonne schon deutlich tief, und die Arbeit des Tages ist im Großen und Ganzen erledigt.
Diese Handbreit ist nicht zum Beginn des Tages hergerichtet worden. Dass sie erst übrig blieb, nachdem alles Anstehende weggeräumt war, zeigt sich am Neigungswinkel des Lichts.
Neben der Tasse liegt eine Kirsche außerhalb der Schale auf der Fensterbank. Jemand hat eine davon gegessen und wird gleich zurückkommen. Sieht man das Foto noch einmal an, ist es eine Zeit, in der noch Dampf in der Tasse stehen könnte.
