
Es ist ein trüber Tag am Wasser. Himmel und Wasseroberfläche lösen sich in fast dasselbe Licht auf, von links schieben sich Bäume und Gräser in die halbe Bildfläche. Ein Blatt, das vor der Linse vorbeistreift, verschwimmt und legt einen dünnen Schleier über die ganze Szene. Hinter diesem Schleier verharrt auf einem eingestürzten Felsen ein Mensch mit gespreizten Beinen und nach hinten gebeugtem Oberkörper.
Dass jemand verharrt, heißt nicht, dass die Kraft nachgelassen hat. Die Fußsohlen lesen einen Winkel des unebenen Steins nach dem anderen, die ausgestreckten Fingerspitzen nehmen in der Luft einen Teil des Gewichts der Balance auf. Was beim Halten einer stillen Haltung am meisten gebraucht wird, ist der Atem. Wird der Atem flach, gerät zuerst die Haltung ins Wanken.
Auch an den Orten der Arbeit und der Sorge gibt es ein ähnliches Innehalten. Die Zeit, in der äußerlich nichts zu geschehen scheint, die wenigen Sekunden, in denen man vor einem Kind seine Miene ordnet, der Moment, in dem man am Bett eines Patienten das nächste Wort hinunterschluckt, das Ausatmen im Flur, bevor man die Klassenzimmertür öffnet. Diese wenigen Sekunden werden nicht als Pause gerechnet, doch was den Tag eines Menschen trägt, sind meist genau solche Zeiten.
Der Felsen auf dem Foto ist nicht eben, und der Boden am Wasser gibt immer ein wenig nach. Dass sich auch an solchen Orten eine Haltung festhalten lässt, liegt nicht an einem festen Untergrund, sondern daran, dass der Atem nicht losgelassen wird. Wir sagen denen, die durchhalten, oft, sie sollten sich mehr anstrengen, doch nötig ist häufig ein Ort zum Atmen.
Noch einmal der Blick auf das Foto. Der zurückgebeugte Nacken und die geschlossenen Augen, in diesem kurzen Innehalten liegt ein Atemzug. Wenn dieser Atemzug endet, wird dieser Mensch die Haltung lösen und vom Felsen steigen. Bis dahin bleibt das Bild still.
