
Einen Hochofen abzuschalten und eine neue Anlage zu errichten stehen im selben Satz, in der Buchhaltung sind es jedoch völlig verschiedene Posten. Das eine ist die vorzeitige Stilllegung eines noch nicht abgeschriebenen Vermögenswerts, das andere eine Neuinvestition mit einer Amortisationszeit von über zehn Jahren. Die Debatte um die Dekarbonisierung der Stahlindustrie geht aneinander vorbei, weil diese beiden Posten bisher als ein Ganzes behandelt wurden. Die Zeit des Streits über die Prinzipien kohlenstoffarmer Stahlerzeugung ist vorbei, der verbleibende Streitpunkt ist, wer das Geld aufbringt, um diese Prinzipien in Anlagen zu überführen.
In derselben Woche folgten drei Meldungen aufeinander. Die dreifache Belastung der Stahlindustrie durch schwache Nachfrage, steigende Kosten und Handelsdruck zugleich, die Äußerung eines Branchenverbands, der eine Aufteilung der Umstellungskosten forderte, und Fortschritte bei einem Demonstrationsvorhaben zur Emissionsminderung mit künstlicher Intelligenz. Die drei unterschiedlich wirkenden Meldungen laufen an einem Punkt zusammen. Die Mittel zur Minderung nehmen zu, während der finanzielle Spielraum für ihre Einführung schrumpft.
Eine Politik, die ohne ein Konzept für finanzielle Unterstützung allein die strukturelle Verbesserung der Unternehmen verlangt, beschleunigt anstelle der Minderung die Schrumpfung der Industrie. Es gibt zwei Wege, auf denen Emissionen sinken. Sie sinken, weil Anlagen umgestellt werden, und sie sinken, weil die Produktion selbst zurückgeht. Beide Fälle gelten statistisch als Minderung, im zweiten bleiben jedoch weder Arbeitsplätze noch Steuereinnahmen noch Folgeinvestitionen.
Auch die Argumente der Gegenseite wiegen nicht leicht. Subventionen sind am Ende eine Last der Bürger, und Fälle, in denen nicht wettbewerbsfähige Anlagen mit Steuergeld am Leben gehalten wurden, haben sich in mehreren Branchen wiederholt. Wird die Unterstützung zur Dauereinrichtung, haben Unternehmen einen Anreiz, den Zeitpunkt der Minderung hinauszuzögern. Dieser Einwand ist berechtigt.
Der Schluss ändert sich dennoch nicht, weil die Emissionen der Stahlindustrie nicht aus den unternehmerischen Entscheidungen einzelner Firmen stammen, sondern aus dem Verfahren selbst. Anders als Emissionen, die sich wie in der Automobil- oder Elektronikbranche durch Anpassungen in der Lieferkette senken lassen, sinkt das Kohlendioxid aus dem Hochofen nicht, solange das Reduktionsverfahren nicht vollständig geändert wird. Nötig ist deshalb eine an Bedingungen geknüpfte Unterstützung. Wird sie an die erzielte Minderung und die Umsetzungsquote der Anlagenumstellung gekoppelt und bei Unterschreitung zurückgefordert, lässt sich die Sorge vor Moral Hazard zu einem großen Teil beherrschen.
Auch hier liegt der Punkt, an dem die KI-gestützte Minderungsdemonstration Bedeutung gewinnt. Eine Optimierung anhand von Prozessdaten erfordert weniger Mitteleinsatz als ein großflächiger Anlagenaustausch und amortisiert sich schneller. Sie kann in dem Abschnitt vor der vollständigen Umstellung als Puffer dienen, der die Emissionen niedrig hält. Damit allein lässt sich das Ziel kaum erreichen, und ob sich die Ergebnisse der Demonstration im kommerziellen Maßstab wiederholen lassen, muss noch geprüft werden.
Auch das Handelsumfeld verschafft keine Zeit. In einer Entwicklung, in der die CO2-Regulierung auf den Exportmärkten verschärft wird, ist die Fähigkeit zu kohlenstoffarmer Produktion weniger ein Umweltindikator als ein Zugangsrecht zum Markt. Bei Anlagen, deren Umstellung jetzt scheitert, wird die Korrektur nach dem vollen Wirksamwerden der Regulierung sehr viel teurer. Der Preis der Verzögerung wächst mit der Zeit.
Zu beobachten sind deshalb weniger die Zahlen der Minderungsziele als die Bestimmungen des Fördersystems. Wie Empfänger und Zeitpunkt der Auszahlung, die Art der Umsetzungskontrolle und die Rückforderungsvoraussetzungen bei Nichterfüllung formuliert werden, entscheidet über den tatsächlichen Fortschritt der Umstellung. Ein Plan, der nur die Ziele anhebt und die Finanzierung offenlässt, setzt die Industrie unter Druck, senkt die Emissionen aber nicht. Die Temperatur des flüssigen Roheisens ist ehrlicher als die Sätze in Politikpapieren.
